VERSCHÜTTETE WEGE
Erkundung der Kunst
Erich Wilkers

Von Prof. Dr. Neiza Teixeira
(Ausschnitte)
Das Auftauchen verschiedenartiger Bewegungen und ihrer unterschiedlichen Ausdrucksweisen, die sich aneinander reiben und sich teilweise gegenseitig ablehnen, zeigt die Dynamik des Schaffens zugleich, dass alle dazu dienen, sich für den Dialog mit Wirklichkeit und die Vermehrung der Weltanschauungen nützlich zu machen. Es ist undenkbar, über ein Kunstwerk eines deutschen Künstlers nachzudenken, der zeitgenössisch ist oder ihr nachfolgt, ohne diese Bewegung einzubeziehen.
Im Fall Erich Wilkers nimmt dies einen besonderen Charakter an, denn dieser Künstler ist nicht nur zeitgenössisch, sondern nimmt an den Kunstströmungen seiner Epoche in Deutschland aktiv teil. In einem Szenario aus Konsolidierung und Dekonstruktion verwirklichen wir unser Leben, und aus dieser Vorstellung heraus können wir den Wert des 20. Jahrhunderts beurteilen.
Nichts von alledem ist unbekannt. Es war ein Weg, um zu Erich Wilkers Schaffen zu gelangen. Andreas Wilker zufolge erwies sich mit Eröffnung der Ausstellung Giotto, Beuys & Wilker im Erich Wilker Museum eines von den vielen Themen, die dargestellt wurden, als absolut relevant: Nach dem eigentlichen Ziel der "Modernen Kunst" und der uns nicht bekannten Parallelität zur wissenschaftlichen Revolution zu fragen, was nicht nur heikel ist, sondern auch große Aufmerksamkeit und einen neuen Weg für die Kunst fordert.
Wenn es darum geht, einen Blick auf die Arbeit von Erich Wilker zu werfen und zu verstehen, was Andreas Wilker erklären will, darf man nicht die Ereignisse außer Acht lassen, die beide erlebt haben oder derer sie Zeuge wurden oder an die sie sich erinnern. So dürfen wir nicht die Wirkung und die Revolutionskraft der Fluxus- Bewegung vergessen, da Erich Wilker zeitgenössisch war und die Ideen beiden bekannt waren. Hier entstand eine weitere künstlerische Bewegung in Deutschlands, in der Nähe von Köln, wo der Künstler Erich Wilker und seine Familie lebten. In dieser Bewegung beansprucht die Kunst diese Ideen nicht mehr isoliert als Subjekt, sondern sah es als notwendig an, die Welt in einer neuen künstlerischen Sprache auszudrücken. Insbesondere verstehe ich, dass die von Duchamp begonnene Revolution, die Beuys vertiefte und neu dimensionierte, in Erich Wilkers Werk eine neue Tournage erhielt.
Abb. unten: Erich Wilker 1977. Ohne Titel, Tusche, Bleistift und Tempera auf Bütten.
Es ist diese Tournage, auf die sich Andreas Wilkers Darlegungen stützen. Darüber hinaus betont er die Möglichkeit und Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Revolution in der Kunst. Ich möchte das zunächst so stehen lassen, weil das Thema problematisch ist und vielfach polemisch geführt wird. Normalerweise sind wir bemüht, die Kunst von der Wissenschaft zu trennen, mit der Begründung, dass beides nicht verwechselt werden kann. Die erste ist ein freier Ausdruck des Geistes, die zweite die Akkumulation des rationalen, begreifbaren und nachprüfbaren Denkens.
Wir akzeptieren als selbstverständlich, dass wir diese Unterscheidung nicht nur treffen können, sondern müssen: zwischen der Kunst und der Nichtkunst, zwischen dem, was enthüllt und dem, was nicht enthüllt. In dieser Sphäre der Dunkelheit und des Enthüllten/ Verneinen ist die Kunst angesiedelt, und sie erlaubt zum Beispiel, dass Beuys durch eine Galerie läuft und einem toten Hasen die Bilder erklärt, selbst wenn er dabei von einer Idee getrieben ist, die er dem Publikum erreichbar machen möchte. Ohne den Schatten eines Zweifels durchlaufen die Kunstwerke in den Museen einem Auswahlprozess, von dem wir annehmen, dass strenge Kriterien eingehalten werden. So können wir nicht die Möglichkeit ausschließen, dass wir auch Grundlagen brauchen, die uns die Freiheit nehmen, dieses oder jene Werk zu wählen, einfach so, weil man es gewählt hat oder weil es schön ist.
Auch die Zeichnungen von Erich Wilker die zur Sammlung des Erich Wilker Museums gehören, wurde nicht auf zufällige Weise ausgewählt. Ihre Komponenten sind grundlegend durchdacht und kommunizieren auf diese Weise eine Vorstellung, die analysiert werden soll. Wenn Beuys ausrief, dass die Welt eine Plastik sei, sollte man sein Vermächtnis neu diskutieren; wenn Beuys den zweifelsfreien Ort für die vergängliche Kunst abgesteckt hat, sollte man diesen als Ausgangspunkt nehmen oder ihn neu konzipieren; wenn der Mensch selber ein Kunstwerk ist, sollte man ihn zum Mittelpunkt machen.
Erich Wilker setzt in seinen Zeichnungen eine Synthese um: Der Mensch und die Natur sind Kunstwerke, aber deshalb kehrt er nicht zum Naturalismus zurück, hier sieht man die Vorstellung einer Idee, kommt aber nicht beim Abstraktionismus an; da ist eine Erzählung, aber man kann deshalb nicht behaupten, wir stünden vor einem Werk des Figurativismus. So finden wir keine Folgsamkeit gegenüber den von der Kunst der Vergangenheit bestimmten Kriterien vor. Was man sagen kann ist, dass es eine Einheit gibt. Die Elemente, die lange getrennt gesehen wurden oder von denen mal das eine, mal das andere betont wurde, stellen sich vereinigt vor, ohne dass man deswegen behaupten könnte, sie fänden keinen Ausdruck.
Die Komposition wird nicht gestört durch ein Mangel an Kriterien, die wir kennen und die wir vielfach anwenden. Die Form wird betont, um ihren eigenen Diskurs hervorzuheben. Gleichzeitig nimmt sie die Gesamtheit des Ausdrucks für sich in Anspruch. Auf diese Weise erreicht der Künstler die Abstraktion, ohne Abstraktionist zu werden. Es ist nicht nötig, dass die Farbe sich zeigt, weil die Zeichnung es mit ihren mal leichten, mal starken Strichen übernimmt, eloquent zu sein.
Weder findet sich Übertreibung, noch ein Interesse am Schockieren, noch der Versuch eines Blickfangs durch Stilmittel der Affektiertheit oder Übertreibung. Mit nur wenigen Linien wird der Diskurs dargestellt und erklärt. Eine einzige Ebene gewinnt ihre Einheit vor uns und, eins ums andere, vereinigen wir alle Elemente.
Auf dieser gleichen Ebene finden sich Natur, Mensch, Bewohner der gleichen Welt und die Vorstellung von dem, was aus ihr werden kann. Die Kontinuität, die nicht linear, sondern von Brüchen markiert ist, wird einer Figur zugewiesen, in der wir uns selbst erkennen und die zugleich jene ist, die wir in der Vorstellung, die wir uns von ihr machen, vereinigen.
Metaphysik? Vielleicht, wenn wir sie neu durchdenken.
Weitere Textauszüge
von Prof. Dr. Neiza Teixeira
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(Kompletter Artikel von Prof. Dr. Neiza Teixeira aus März 2008 bitte anfragen)
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Wechselbilder oben:
Abb. 1: Erich Wilker 1974, Bleistift, Tusche, Tempera auf Karton, ohne Titel
Abb. 2: Erich Wilker 1978, Bleistift, Tusche, Tempera auf Bütten, ohne Titel
Abb. 3: Erich Wilker 1977, Tuschezeichnung auf Bütten, ohne Titel
Abb. 4:
Erich Wilker 1978, Bleistift, Tusche, Tempera auf Bütten, ohne Titel
Abb. 5-6:
SW-Foto Erich Wilker Museum
Abb. 7: Erich Wilker 1974, Bleistift, Tusche, Tempera auf Bütten,
Titel "Der Alte"
Abb. 8-9: SW-Foto Erich Wilker Museum
Abb. 10: Erich Wilker 1976, Bleistift, Tusche auf Bütten, Titel "Poly Sans Woki"
Abb. 11: Erich Wilker ca. 1989, Spätwerk, ohne Titel, Tempera auf Karton


