POESIE der Vernunft

Von Peter Bellon, 1974


Erich Wilkers Bilder sind ein eigentümliches Gemisch von Dokumentation und Bildpoesie. Immer sind es zuerst die Einzelheiten, die gefangen nehmen: Ansätze von Gegenständen und Figuren tauchen, meist nur bruchstückhaft auf, scheinen, von einer vielfach gebrochenen Perspektive erfasst, in einwem imaginärem Raum zu schweben. Dabei hat sich das logische Empfinden des Betrachters gegen den Eindruck von Chaos und Unordnung zu wehren: Der Wunsch nach Verknüpfung und Einordnung der fragmentarischen Details steigt auf, umso mehr, als dies oder jenes daran vertraut anmuten mag, so dass Erinnerungen an verschüttete Erfahrungswerte mobilisiert werden.

Abb.
unten: Erich Wilker 1977, Titel: "tierra yo soy", Tusche, Tempera, Bleistift auf Bütten

Was Wilker aus seinem heutigem Bewusstsein als "bekannt" wiedererkannte und auch in anderen Epochen der abendländischen Geschichte lebendig fand, zitierte er, dokumentiert durch optische Synchronisation diachroner Momente einen Sachverhalt quer durch die Jahrhunderte. 
 
Diese Mechanismen sind überzeitlich: Ihre Erkenntnis aus der Geschichte bedeutet zugleich Widerspiegelung allgemein menschlicher Verhaltensweisen. Wilkers Bilder stellen daher keine Konfrontationen mit "aktuellen" gesellschaftlichen Zuständen, sondern eher Konfrontationen mit dem einzelnen Bewusstsein dar, sich selbst in seinen Bedingungen und Abhängigkeiten zu erkennen.

So könnte sich Nonkonformismus nicht als Massenbewegung (und damit als neue Form des Konformismus) ergeben, sondern als distanziertes Erleben der eigenen Wirklichkeit, das aus einem überhöhten Wissen von Geschichte und Gegenwart des Menschen resultiert.

Insofern fungiert Wilker als "Symbolträger" einer ideologiefreien Humanität“.


Text ist Vorwort von Peter Bellon 1974 „Civitas Oblivio"
zur Ausstellung in der Galerie Monika Beck, Homburg.

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Wechselbilder oben:




Abb.1: SW Foto Erich Wilker, 1992 " im Atelier Köln- Riehl
Abb.2-3:
Erich Wilker 1977 "Flankentusch", Tempera, Tusche auf Bütten
Abb.4:
Erich Wilker 1989, Tempera, Tusche, Kreide auf Bütten, ohne Titel
Abb. 5:
Erich Wilker NADA-Periode 1962, Tusche auf Karton
Abb.6-7: Video Textbild Erich Wilker 1974 "Kunst ist Versachlichung"
Abb.8: Erich Wilker 1991, Kreide/ Pastell auf Karton "ohne Titel"
Abb.9: Erich Wilker 1977, Tusche auf Karton "ohne Titel"
Abb.10: Erich Wilker 1989, Tusche auf Bütten "ohne Titel"
Abb.11: Erich Wilker 1977, Tusche auf Karton "ohne Titel"