EXPOSÉ von

Dr. Alfons Biermann


Die Sparsamkeit und geistige Konzentration der Linienführung wird seit Beginn der 60er Jahre an seinen Zeichnungen zunehmend hervorgehoben. Dabei ist Wilker ein sprudelnder „Kunst-Vulkan“ (Peter Bellon), dem das Leben und die stets wache Beobachtung vor dem Hintergrund des Erlebten und der ihm zur Gegenwart gewordene Geschichte ständig neue Einfälle beschert, die er aus tiefstem Innern nach außen stülpt wie eine bis zum Bersten aufgestaute Lavamasse. Was da in ureigene persönliche Form gegossen wird, erscheint wie die poetisch - literarische Verarbeitung ewig gleichbleibender Erscheinungen und menschlicher Verhaltensmuster vielgesichtiger Provenienz – jedenfalls mehr als eine Zitatensammlung.


Abb: Erich Wilker 1973,
Broschüre mit vielen Zeichnungen/
Radierungen mit Einleitungen
von Dr. Biermann und Dr. Kreidler


Der Berliner Kritiker Heinz Orff nannte ihn „ so etwas wie ein Arno Schmidt in der Kunst“. Er zielte damit auf den Zitatenreichtum in Wilkers Arbeiten ab, der „fast unmerklich die halbe Kunstgeschichte der klassischen Moderne zitiert“. Eher mag man sich an James Joyce“s Ulysses erinnert fühlen, der als ein Stück verschlüsselten Selbstportraits des irischen Schriftstellers nach einer -erfahrungsreichen Wanderschaft berichtet.

Beiden gemeinsam ist die ruhelose Jugend durch halb Europa. Die bei dem Romancier wie bei dem Künstler eine rasche Auffassung, einen kritischen Verstand und eine tiefe Erfahrung bewirkt haben, in welcher Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins zu werden scheinen. Bei Wilker hat dies vor allem den Sinn für die Realität geschärft, die sich auf dem Hintergrund der gleichbleibenden historischen Erscheinungen um so deutlicher herausschälen lassen. So stehen in seinen Zeichnungen die Zitate der Geschichte als Folie, als Paraphrase oder Antithese zur Gegenwart. Man muss lernen, seine oft hieroglyphenartig kürzelhaften Bildgeschichten zu lesen. Jedes Detail ist wichtig zum Verständnis des Ganzen; die vordergründige Karikatur des Menschen findet stets ihre detaillierte Ergänzung in einem Reigen von kleinteiligen Un-Wesen, die durch die Szene zu schweben scheinen, und von denen jedes eine eigene Aussage zu machen hat.

Gerade dies aber ist es, was seine Zeichnungen besonders auszeichnet und ihn den „klassischen Modernen“ nahe rückt. Dabei haben die letzteren wieder ihre eigenen Vorläufer in den Symbolisten des 19. Jahrhunderts und diese wiederum bei Rembrandt, Dürer und Leonardo. Die allgemeinen und besonderen Möglichkeiten der Zeichnung, die Wilker voll ausschöpft, umreist Max Klinger: „Wie der Dichter kann der Zeichner das Leben und die Form noch da zeigen, wo er sie nicht mehr würde sehen können.“ Aus dieser Erkenntnis heraus gewinnen wie auch Wilkers kritische Analysen und Dokumentationen über den Wert der reinen Linie ihre symbolische Aussagekraft. So geraten ihm die aus dem Leben gegriffenen Zitate eigener Anschauung von Menschen und Begegnungen unversehens über die Karikatur hinaus zu allgemeingültiger Stellungnahme.

„Ich habe keine Idee, sondern ein Bewusstsein, das aus Erfahrung gespeist wird. So schreibt er seine bewusst gewordene reiche Erfahrung nieder in einem endlos sprudelnden Tagebuch von Zeichnungen, Bildern, Objekten auf Papier, Blech-Schildern oder Papptellern. Ein ironischer, bisweilen bissiger Kommentator oder Dokumentartor unserer Zeit. Kein versponnener Ulysses, der sich selbst zum Problem geworden ist, sondern ein welterfahrener Mitmensch, der von Toleranz träumt und Partnerschaft meint, ein Mensch also.


Exposé von Dr. Alfons W. Biermann
ehem. Direktor des Bonner Kunstvereins, Kunsthistoriker


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Dr. Richard KREIDLER 

Exposé Museumsamt
Bonn 1973


Wilker zeigt in forsch handelnden, zögernden oder leidenden Randfiguren, in den vielen Unüberlieferten innermenschliche, überzeitliche oder kultur-typische Schicksale, weist den Betrag der vielen Ungenannten nach, die geschichtliche Wenden mitvollzogen, ohne das sie sich dessen in ihrem Leben bewusst waren. Es melden sich aber auch einige alte und neue Zeitkritiker, Initiatoren, private Geschichts-Philosophen und programmierte Veränderer in Wilkers Historienbildern.


In seiner KULTURINTERPRETIERENDEN GRAPHIK wird man sie aber nicht an Sprechblasen und Transparenten, eher an Nacken, Füßen und Haarstoppeln erkennen. Man begegnet Mitläufern und Ausläufern, in der Geschichte Abtretende, römische „Faustbetern“ ( Kat. Nr. 2) die sich „Kraft anbeten“ (Wilker). Immer wieder ragen Aufgesockelte und Bewußtseinsapostel heraus ( Kat. Nr. 44).

Die kritisch-ironische Intention der Blätter ist im Spiegelbild der Geschichte und in der Direktnennung in der Gegenwart gegen bestimmte Untugenden des Menschen gerichtet. Archäologie dient der Zeitkritik. Zerstörung blinder Gegenwartsgläubigkeit geht einher mit Entmythisierung und Endheroisierung der Geschichte. Aufgeblähtheit, produzierte Originalität, Verblockung, verholzte Ideologie sind unmittelbar an den Figuren und ihrer Körperbildung abzuklopfen. Poblicius könnte auch mit Baugrund für Hochhäuser spekuliert haben. Wilker entzieht heutigen trojanischen Pferden das Futter. Wenn er in den sechziger Jahren durch persönliches Auftreten in Aktionen „saubere Tarnkappen für schmutzige Pläne“ wegreißen wollte, aber nie bitterer Moralismus des Mediums Graphik, anknüpfend damit an viele Traditionen seit Hogarth, Dix, Grosz, in der Übersetzung, dass sich komplexe geschichtliche psychologische und soziale Zusammenhänge nur – auch bei seinen weniger „kritischen“ Motiven aus Bohéme, Eros, Nostalgie, Folklore – in verknappender, nie ins Abstrus- Unverbildliche auflösender Zeichnung in Einzelblatt und Serie pointieren lassen.

Dichte und Verantwortungsauftrag seiner Themen und die Fülle seiner Bildvorstellung wären in der Malerei nicht fassbar. Sparsame, „leichte“, farblose Zeichnung ist geschriebenem und gesprochenem Wort, satirischer Zuspitzung näher als die anderen Künste. Sublimen Witz bleiben diese oft verschlossen. Spröde und Trockenheit der Linienziehung, die den Figuren aber nie Abmagerung abverlangt, ist am besten geeignet, unfeierlich und unpathetisch Dumpfheit und Hybris zu treffen. „Disegno“ - um an einem Begriff der Kunsttheorie und Renaissance zu erinnern – klärend-destillierende Linienkunst im geistigen und figürlich-plastischen Sinn verlagert Kraft, Volumenbildung und Lebendigkeit von Gestalt und Ding allein in dem Umriss, dem Wilker andere graphische Ausdrucksmöglichkeiten wie Schattierung, Modellierung, Schraffur, Tönung, Punktierung fast ganz opfert.

Die Askesenkraft unverdoppelter, höchstens leicht an- oder abschweifender, sich unterbrechender Linien verhindert das Auseinanderfallen
der Einzelmotive auf den ungetönten, aber nie „leeren“ Blattgründen. Wilker übernimmt heutige Realität nur auf dem Wege individueller Verwandlungs- und Umsetzungsprozesse durch die Zeichnung. Er misstraut dem Gebrauch von Fotos. Er fühlt sich immer noch stärker als Medien und Reproduktion. Zeichnung ist Kunst des Aussparens.


Exposé von Dr. Richard Kreidler
Veröffentlichung vom Rheinischem Museumsamt Bonn, 1973